Als ich das erste Mal darüber nachdachte, eine längere Zeit im Ausland zu verbringen und bei einer Gastfamilie zu leben, dachte ich nie, dass es wirklich irgendwann dazu kommen würde. Ich erinnere mich nicht mehr sicher an die Umstände, doch ich spielte schon länger mit dem Gedanken. Ich begann mich kundig zu machen und informierte mich über Möglichkeiten, Kosten, Organisation und Dauer solcher Aufenthalte. Eines stand sehr früh fest: ich wollte mein Austauschjahr in einem englischsprachigen Land verbringen, da Englisch nun mal die Weltsprache ist und es mir praktisch erschien, eine solche gut zu beherrschen. Meine letztendliche Wahl fiel auf die Vereinigten Staaten, da sie das größte englischsprachige Land sind und man dort eine große Vielfalt an Landschaft und Kultur kennen lernen kann. Nach einiger Recherche und etwas Zeitaufwand fand ich im Internet viele Informationen und bewarb mich für ein Stipendium, welches ich leider nicht erhielt. Da mich die Auswahlgespräche viel Zeit kosteten, bewarb ich mich nach der Absage bei vielen Organisationen und landete letztendlich bei Eurovacances, die mir einen Platz zusicherten. Ich sollte also für zehn Monate in die USA fahren. Aber auch hier schien ich Pech zu haben. Ich musste mich um die amerikanische Bürokratie kümmern; Sprich: mir ein Visum besorgen, das ich nur bekommen konnte, wenn ich von meiner Organisation eine Bestätigung bekäme, die diese von der amerikanischen Organisation bekommen würde, wenn diese eine Gastfamilie für mich gefunden hätte - noch Fragen? Nach langem Warten und mehreren verschobenen Terminen bei der amerikanischen Botschaft wurde mir telefonisch mitgeteilt, dass keine Familie für mich gefunden wurde. Natürlich sagte ich meine Termine final ab und war sehr überrascht, als mich drei Tage später ein Amerikaner namens Ervin Calyton anrief und mir erzählte, dass ich bei ihm leben würde und die Schule mich akzeptiert hätte. Ich erfuhr, dass ich nach Oklahoma kommen sollte, in eine Kleinstadt namens Wewoka, und ich würde die Wewoka High School als ein „Senior" (Abschlussklasse) besuchen. Des Weiteren erzählte er mir, dass ich mir keine Sorgen machen müsse, denn ich wäre sein 39. Austauschschüler und alles würde gut laufen. Er sollte recht behalten. Ein paar Tage später war ich am Flughafen, bereit zu großen Taten. Der Abschied von Freunden und Familie fiel mir natürlich sehr schwer, aber als ich erst mal im Flieger saß, war ich schon sehr aufgeregt und freute mich auf das was auf mich zukommen würde.
Nach einem langen Flug und einem sehr unbequemen und anstrengenden Aufenthalt auf dem Chicago O'Hara International Airport, landete ich in Oklahoma City. Ein älterer Mann mit Luftballons und einem großen Banner „ Welcome Lukas" erwartete mich - mein Gastvater. Ich wusste schon vorher, dass er allein lebte und dass sein Sohn Kevin und seine 16-jährige Enkelin Stephanie auf demselben Grundstück lebten. Nach einer herzlichen Begrüßung fuhren wir nach Wewoka. Das war dann auch meine erste Fahrt in einem Pick-Up Truck. Die Fahrt dauerte ca. eine Stunde und so kamen wir abends an, also sah ich das Haus und das Grundstück erst mal nur nachts und trotzdem war ich beeindruckt. Das Haus war riesig und auch das, was ich vom Grundstück sehen konnte, war toll. Nach einer kurzen Hausführung ging ich erschöpft schlafen. Am nächsten Tag zeigte Ervin mir den Ort und die Schule. In dem kleinen Dorf fanden sich ca. 5 Kirchen und viele Fastfood-Restaurants. Die Schule sah ganz nett aus und ich freute mich schon darauf, diese zu besuchen. Am folgenden Montag ging es dann auch schon los. Ich war jetzt Schüler der Wewoka High School. Ervin begleitete mich und zuerst lernte ich Mrs. Mahler kennen, den „School counselor". Sie beriet mich, welche Klassen ich wählen sollte und auch die zwei anderen deutschen Austauschschüler wurden prompt ins Büro gerufen. Phillip, aus Essen, und Bianca, aus Stuttgart, gaben mir ein paar wertvolle Tipps und schon ging ich in den Unterricht.
Der Unterricht dort war wirklich sehr einfach. Ich stand in allen Klassen „A" (1) und die Tests waren total leicht, da wir teilweise die Lösungen vor dem Test bekamen. Sprachlich passte ich mich relativ schnell an und hatte eigentlich kaum Probleme mit der Verständigung. Ich war - man kann es kaum glauben - der Beste in meiner Englischklasse und dass nur, weil ich wirklich auch mal gearbeitet habe. Abgesehen davon war die Schule toll, um soziale Kontakte zu knüpfen. Ich habe viele fantastische Menschen kennen gelernt. Die Lehrer waren alle sehr nett zu mir und von meinen Mitschülern wurde ich toll aufgenommen und akzeptiert. Ich habe keinen Schulsport gemacht, weil die Mannschaften dort jeden Tag fünf Stunden trainieren und ich so sehr spät aus der Schule gekommen wäre, deswegen wählte ich das „Academic Team". Hier trugen wir „Quiz-Wettkämpfe" gegen andere Schulen aus und das hat mir sehr viel Spaß gemacht.
Ich konnte über die ganze Zeit meines Aufenthaltes mit meiner Familie und meinen Freunden in Kontakt bleiben, was mir sicherlich half. Eigentlich verstößt zu häufiges Telefonieren gegen die Richtlinien der Organisation, aber mein Gastvater sah das alles, dank seiner Erfahrung, sehr gelassen.
Neben der Schule unternahm ich viel mit meinen Freunden und auch mein Gastvater zeigte mir sehr viel. Ich besuchte viele schulische Sportwettkämpfe, wie Football oder Basketball, mit meinen Freunden. Mein Gastvater unternahm einige kleinere Reisen mit mir und anderen Austauschschülern, wie zum Beispiel mit Phillip, dem netten Mitschüler aus Essen. So bekam ich einige amerikanische Bundesstaaten zu sehen und erlebte noch mehr von Amerika und seiner Vielfalt.
Ein Höhepunkt meines Aufenthaltes war der Abschlussball „prom" und mein Abschluss „graduation". Es war ein tolles Gefühl diese Kappe zu tragen und auch das Tanzen auf dem Ball hat echt Spaß gemacht.
Ein anderes kleines Highlight war der Besuch meiner Mutter am Ende meines Aufenthaltes. Sie kam zu meinem Abschluss und sie, mein Gastvater und ich unternahmen einen Trip nach Kalifornien. Insgesamt war ich so in 11 Staaten, was wirklich toll war und natürlich habe ich mich am Ende auch auf zu Hause gefreut. Es ist ein komisches Gefühl, gleichzeitig nach Hause zu fahren und sein zu Hause zu verlassen, aber nachdem ich mich in Deutschland wieder eingelebt hatte, fühlte ich mich wieder gut.
Ich habe viel gesehen, mein Englisch verbessert und viele tolle Menschen kennen gelernt. Insgesamt war mein USA-Jahr ein voller Erfolg und nun kommt der harte Teil. Ich versuche die 11. Klasse zu überspringen und musste den gesamten Stoff in den Ferien nachhohlen, was sicherlich nicht einfach aber zu schaffen war. Ich würde jedem einen Auslandsaufenthalt empfehlen. Ich denke man gewinnt eine persönliche Unabhängigkeit und Selbstsicherheit. Es hört sich vielleicht ein wenig pathetisch an, doch ich glaube, ich bin in dem Jahr in den USA etwas erwachsener geworden.
Lukas Jünger
